Betheln und umzu Schattenlinie




Wilfriede Bollmann
Wilfriede Bollmann geb. Sievers (* 15. November 1940), aufgewachsen auf dem Bauernhof der Eltern, Hauptstraße 26 in Betheln (heute Heiko Bollmann Fa. Moto Concept).

Warum dieses Gedicht entstand

Als ich älter wurde und so auch mehr Zeit hatte, baten mich meine Kinder, einige Geschichten aus meiner Kindheit aufzuschreiben.
So ist ein Gedicht daraus entstanden. -
Kurz vor meiner goldenen Konfirmation war es fertig, darum beschloss ich, es zu dem gemütlichen Beisammensein meiner Mitkonfirmanden vorzulesen, zumal viele von ihnen die gleichen Erinnerungen haben.
Ich glaube, es passt auch zu unserer Dorfgeschichte.

Wilfriede Bollmann





Rückblick

Der Krieg war vorbei, es war eine Zeit,
Kummer und Leid machten sich breit.
Viele waren aus der Heimat vertrieben,
getrennt von Vater, Mutter und den Lieben.
Geprägt von Verzweiflung, Hunger und Not,
im ständigem Bemühen ums tägliche Brot.

Die Häuser waren voll bis in die letzte Kammer,
da gab's kein Erbarmen oder Gejammer.
Viele waren arm und mussten teilen,
eine schwere Zeit mit erleiden.

Und Mütter mit Kindern vor allem,
alleingestellt, der Vater gefallen.
So viele von der Not gezeichnet,
zerstörte Städte, viel Schmach ereignet.

Der Suchdienst forschte nach Kindern und Familien,
doch Viele die verschollen blieben.
Man musste überwinden die größte Not,
die Familien ernähren war oberstes Gebot
Aus dem Schicksal das Beste machen,
man hörte wieder Kinder lachen.

Im Dorf hatten sie gleich Freunde gefunden.
Bei den Erwachsenen eher mit Skepsis verbunden.
Es wurden viele Dialekte gesprochen,
es hat auch nach fremden Kochkünsten gerochen.

Die Kinder halfen mit im Haus und Garten
Versorgten Kaninchen, Ziegen und Hühnerarten,
beim Rüben verziehen und Erbsen pflücken,
der Rücken tat weh vom ewigen Bücken.

Sammelten Beeren und Pilze für das Essen
und Holz für den Winter nicht zu vergessen.
Halfen beim Bauern Kartoffeln lesen,
fegten die Straße mit dem Reisigbesen,
mussten in der Kanne Kuhmilch holen,
Schuhe bringen zum Besohlen,
Ähren sammeln auf dem Feld,
knapp war alles, auch das Geld.

Wir trugen Leibchen, Gestricktes aus Wolle
- die Jungs kurze Hosen - und Strumpfbänder tolle,
Hatten Zöpfe,
ab und zu auch Bubiköpfe,
mit dicken Schleifen,

die Jungs gerne danach greifen.
Genäht wurden alle Kleider,
Anzüge machte hier der Schneider.
Apfelsinen, Bananen gab es nicht,
dafür stand Apfelmus auf dem Tisch.
Und auch zum Trinken keine Brause,
Himbeersaft hatte man zu Hause.

Am 6. Mai 1947 wurden wir eingeschult,
Zuckertüten waren rar,
für uns war jedenfalls keine da.
Unsere Schule bestand aus 2 Klassen,
konnte die vielen Schüler kaum fassen.

Eine neue Schultasche kam uns nicht in den Sinn,
eine gebrauchte, da war alles drin.
Eine Tafel und einen Kasten für den Griffel,
seitlich baumelte ein Schwamm zum Abwischen.

In der Klasse stand ein großes Pult,
der Kachelofen der war Kult.
Der Fußboden wurde mit Öl eingerieben,
uns den Geruch in die Nase getrieben.

Das Schönste waren doch immer die Pausen,
spielten Huckekasten, Verstecken, ein ständiges Sausen.

Es duftete in der Mittagszeit,
nach Schulspeisung weit und breit.
Die Flüchtlingskinder mussten soviel entbehren,
jetzt hieß es sie richtig zu ernähren.

Die Eddinghäuser mussten früher aufstehen
und zu Fuß zur Schule gehen.
Bei Schnee, Sturm und heftigem Guss
zu jener Zeit fuhr leider kein Bus.

In den ersten Schuljahren wurde viel improvisiert,
doch der Schulbetrieb lief wie geschmiert
Wir lernten Geschichte und paukten so sehr,
Doch Erdkunde mochten wir umso mehr.
Wir kannten uns aus, in den Ländern der Welt,
wo liegen die Berge und Flüsse?
Fragen - vom Lehrer gestellt.
Oft schwierige Kopfnüsse
Wusste man sie nicht sofort - oh Schreck -
gab's vom Stock gleich einen weg.

Des Lehrers Weisheit lern' mit Strenge,
später vieles dir gelänge!

Auch zur Mittelschule fuhren viele Kinder
Mit dem Fahrrad im strengsten Winter -
Waren sie nass und durchgefroren,
gab's warme Wickel um Hals und Ohren,
dann heißen Tee und ordentlich schwitzen,
am nächsten Tag konnten sie wieder in der Schule sitzen

Zum Schulausflug am Rottebach entlang,
erklangen Volkslieder mit lautem Gesang.
Vorbei am weißem Mann ins Beustertal ,
zur Sorsumer Mühle - zurück über Mathildenhall.

Lehrer Metje erklärte uns die Natur,
von Müdigkeit keine Spur,
nur zuletzt über die Eddinghäuser Berge,
wurden wir schlapp und klein wie die Zwerge.
schwärmten noch lange vom Schulausflug,
kein Flieger uns in die Ferien trug.

Die Zeit wurde besser und irgendwann
öffnete Bäcker Maas gleich nebenan.

Wir kauften uns Hefestücke und Kaffeestreifen,
sehr praktisch, wir konnten gleich durch's Fenster greifen
Gefüllte Goldnüsse ließen wir uns auf der Zunge zergeh'n
Können heute das die Kinder verstehen?

Auch spielten wir Theater und führten auf,
dabei war uns ganz flau im Bauch.

"Der Teufel mit den drei goldenen Haaren"
Sehr viele Besucher zur Vorstellung kamen.

Lernten Schillers Glocke, ein langes Gedicht,
und Gesangverse im Konfirmandenunterricht.
Gute Übungen sich zu konzentrieren,
die Geduld nicht zu verlieren
Alle hatten Respekt vor dem Pastor und Lehrer,
noch heute vor unserem Bürgermeister Werner.

Bauernhöfe mit vielen Tieren gab's im Ort.
heute sind leider viele fort
Es roch nach Kühen und nach Schweinen,
dazu Fliegen
das störte keinen.
Schäfer Friedrich zog mit Schafen vom Feld zum Stall,
Kaffeebohnen überall...

Pferde, im Gespann meist zwei,
zogen schwer an uns vorbei.

Sehr beliebt waren auch die Erntefeste,
wir Kinder dann die kleinen Gäste,
saßen hoch oben auf dem Getreidewagen,
unter der Erntekrone auf den letzten Garben,
sangen wunderschön im Chor,
mit geschmückten Pferden davor.
Auf dem Hof angekommen
Haben die „Großen“ einen Schnaps genommen
Auf die eingebrachte Ernte.

Für die Kinder gab's süße Sachen,
Freude und ein glücklich Lachen,
schönes Abendbrot und Klaren
mancher dann nach Haus getragen,
Trotz Entbehrungen eine schöne Zeit,
zu Schabernack immer bereit,
sich im ganzen Dorf verstecken
und den alten Thiedau necken.

Die Gemeindepumpe hatte es uns angetan,
die hatte keinen Wasserhahn,
pumpten Wasser auf die Füße,
bis es in die Gosse liefe.

Wo bekamen wir Himbeerbonbons dicke rote,
im Milchladen bei Onkel Grote.
Und wer machte das beste Eis?
Die Kugel für einen Groschen,
Bäcker Haager unübertroffen,
und Süßes mit Kaffee und Sahneschaum
in Düvels Garten unterm Apfelbaum.

Ein Schaukasten mit Tabak und Zigarren stand auf der Mauer.
kaufen konnte man diese in Päusers Stube bei Schauer,
Schulhefte kariert und blank
Lagerten im großem Schrank.

Hatten die Socken ein großes Loch,
kaufte man neue bei Quasigroch.

Das Leben im Dorf hielt alle auf Trab,
das Geld schwer verdient - immer noch knapp.

Nach der Schulzeit fing sodann
der Ernst des Lebens an.

Viele kamen mit 15 Jahren in die Lehre,
wurden ausgebildet streng, oft schwere.
Andere bildeten sich an Schulen weiter,
erlernten Berufe mit Fleiß und Eifer.
Etlichen wiederum ist es gelungen,
sind bis in die Chefetagen vorgedrungen.

Doch welche waren in der Schule nicht so gut,
sie verloren oftmals den Mut.
Wurden auf dem Bau gerne genommen
Und sind als Arbeiter untergekommen.
Im späteren Leben dann,
standen auch sie ihren Mann!
Wurden Spezialisten in manchen Fragen
Und halfen mit Verantwortung zu tragen.
Auch in der Landwirtschaft, an der Luft, der gesunden,
haben viele Arbeit und Erfüllung gefunden.

Zieht man Bilanz und vergleicht,
wurde von den meisten etwas erreicht.

Bald herrschte Hochkonjunktur,
viele träumten vom Häuschen mit Garten nur.
Es wurde gebaut im Dorf, in der Stadt
auf dass jede Familie eine vernünftige Wohnung hat.

Bei uns wurde eine neue Schule gebaut,
mit Stühlen und Tischen,
Parkettfußboden leicht zu wischen.
Ein Luxus waren die Spültoiletten,
hohe Räume ohne Ecken,
besonders fein das Lehrerzimmer,
Schuhe putzte ab man immer.

Auch zogen viele Freunde fort,
der Vater arbeitete im anderen Ort.

Ständig war im Dorfe was los,
Spiel und Tanz für klein und groß,
Treffpunkt war das Spritzenhaus,
dort hing Aktuelles aus.

Konnten Filmreklame im Schaukasten seh'n,
das doppelte Lottchen, ach wie schön,
lustige Filme mit Grete Weiser,
oder Sissy und ihr Kaiser.
Die ersten Filme von Karl May,
besonders die Jungs waren gern dabei.
Im wilden Galopp über Berg und Tal,
Sonnabends bei Schütte im Saal.

Rock'n'Roll und nichts versäumen,
- in den 50ern die Teenies träumen,
und die ersten Jeans, die engen,
konnten bald den Rock verdrängen,
Mädchen mit Petticoat und Pferdeschwänzen
besonders hübsch und wollten glänzen.

Ein Fernseher, ja das war toll,
abends war die Bude voll,
besonders die Fußballweltmeisterschaft
hatte die ganze Nation erfasst
Begeistert wurde vor Freude gesungen,
dass uns dieses war gelungen.

Dieses war einiges aus aus dem dörflichen Leben,
es hat noch viele andere Episoden gegeben.

Wilfriede Bollmann

Letzte Aktualisierung: 24.11.2022

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