Betheln und umzu Schattenlinie




Die Rote Mühle

Aus den Erinnerungen von Werner Münstermann

Anna und Ernst Rott bewohnten mit ihrer Tochter Lisa und Sohn Ernst die Mühle mit dem großen Mühlenteich, die in der Talmulde zwischen Eddinghausen und Haus Escherde liegt.

Nach der Stilllegung von Mittel- und Obermühle verpachtete die Domäne Haus Escherde die „Rote Mühle” zunächst an den Müllermeister Meyer. Als weitere Pächter erschienen im Jahre 1895 der Müller Hermann Prinz und ab 1926 der am 3. Mai 1887 geborene Ernst Rott. Dieser konnte im Jahre 1935 die Mühle und das Areal für 14.000 Reichsmark käuflich erwerben und weiter betreiben, sowie auch das dazu gehörige Ackerland bewirtschaften.

Der Sturz über dem Treppenabgang zum Mühlengebäude trägt die Jahreszahl 1726. Das Mühlengebäude und die Hofanlage lagen geduckt hinter dem mächtigen Damm, der den Bach aufstaute. Er war wasserseitig mit Pappeln und Weiden bepflanzt. Ein alter Kahn lag am Ende des Dammes im Wasser, festgebunden mit einem Seil am Kirschbaum. Am Bacheinlauf war der Teich beidseitig mit Schilf bewachsen, Unmittelbar vor der Mühle konnte das Wasser über einen „Brummposten” übertreten. Über ein Schott ließ es sich auf das riesige Mühlenrad leiten, wenn Korn gemahlen wurde. Wir Kinder waren dabei nicht gern gesehen.

Gemahlen wurde das Korn der beiden Bauern und des Gutes von Eddinghausen sowie das vom „Kloster”. Die Mühle hatte den Ruf, besonders gutes Mehl zu mahlen. Deshalb wurde auch Korn aus Gronau und Betheln angeliefert, obwohl auch dort Wassermühlen betrieben wurden. Tagelöhner brachten ihr Getreide, das sie als Deputat bekamen, mit Handwagen zur Mühle und nahmen das Mehl und den Anteil Kleie wieder mit zurück. Der „Schwund” führte bisweilen zu Disputen. Aber dabei hatte der Müller immer die besseren Argumente.

Als im Jahre 1929 Haus Escherde durch das Gronauer Überlandwerk elektrifiziert wurde, erfolgte dies ebenso auch für die Rote Mühle. Das beeinflusste aber nicht den Mühlenbetrieb, der weiterhin mit Wasserkraft bewerkstelligt wurde.

Neben der Müllerei betrieb Ernst Rott noch eine kleine Landwirtschaft. Seine Äcker lagen in unmittelbarer Nähe der Mühle. Es mögen etwa 15 Morgen gewesen sein. Er beackerte sie mit zwei Pferden. Als einer der wenigen Bauern besaß er für die Feldarbeit eine Ziehkuh.

Möglicherweise weil seine Pferde noch andere Aufgaben hatten - Rott musste die Milch der Bauern zur Molkerei nach Gronau fahren. Egon war sein Milchkutscher. In aller Herrgottsfrühe fuhr er, nachdem er die Pferde gefüttert und selbst gefrühstückt hatte, nach Haus Escherde, um die Milchkannen vom Kloster abzuholen, die dort bereitstanden. Die Schweizer hatten sie auf die Milchbank deponiert. Egon musste sie aufladen. Der Milchwagen bestand aus einer großen Ladefläche, der Kutscherbock hatte einen hölzernen Aufbau als Wetterschutz. Als nächstes lud er die Milchkannen von Rott auf, die inzwischen auf der Milchbank am Straßenrand standen. Weiter ging die Fahrt zu den Bauern Kapune und Jacobs, letztlich auf den Gutshof Kleuker. Vollgeladen fuhr Egon dann zur Molkerei nach Gronau. Dort musste er die Kannen an der Rampe abladen. Das Personal der Molkerei entleerte die Kannen, stellte sie zurück auf die Rampe und Egon belud seinen Milchwagen. Einige Kannen waren jetzt mit Buttermilch oder Molke für die Bauern gefüllt. Zur Identifizierung trugen alle Kannen und Deckel eine dreistellige Zahl, die dem jeweiligen Bauern zugeordnet war. Auf der Rückfahrt lud Egon die Kannen in umgekehrter Reihenfolge ab. Gegen Mittag war er wieder zu Hause. Diese Fahrten wiederholten sich täglich, auch samstags und sonntags, selbstverständlich auch an Feiertagen.

Zur Mühle gehörte ein Esel, den ich jedoch nie Säcke schleppen gesehen habe. „Jenny”, so hieß das Grautier, stand immer auf seiner eingezäunten Weide. In seltenen Fällen wurde er vor seinen kleinen, vierräderigen Karren gespannt.

Von Zeit zu Zeit mussten Teile der Mühle, insbesondere das Mahlwerk, überholt werden. Dazu rückte ein Mühlenbauer und ein Helfer an. Das Schärfen der Mühlensteine nahm die meiste Zeit in Anspruch. Die riesigen Mühlensteine wurden ausgebaut und auf dem Hof bearbeitet. Dabei wurden die Mahlflächen mit speziellen Hämmern wieder planeben gemacht und die spiralförmigen Rillen vertieft und wieder scharfkantig bearbeitet.

Ein großes Ereignis war jährlich das Abfischen der Karpfen aus dem Teich. Der Möbelhändler Fuhlberg aus Gronau hatte ihn für die Karpfenzucht gepachtet. Im Dezember wurde das Wasser über den „Brummposten” abgelassen. Der Kahn, mit großen Wannen beladen, wurde auf die Wasserfläche gefahren, die schnell kleiner wurde, je mehr der Wasserspiegel sank. Die Schlammzonen am Ufer vergrößerten sich entsprechend. Im Restwasser sammelten sich immer mehr Karpfen. Sie konnten jetzt leicht mit dem Kescher abgefischt werden. Je mehr Wasser abgelassen wurde, umso mehr brodelte das Restwasser. Beim Ablassen des Wassers aus dem Teich entwischten natürlich immer einige Karpfen. Das wussten wir aus der Erfahrung der Vorjahre. Unterhalb der Mühle fischte die Dorfjugend fleißig mit. Am erfolgreichsten waren wir an einem kleinen Wasserfall im Bach. In das fallende Bachwasser stellten wir einen großen Weidekorb und machten so leicht reiche Beute.

Wenn im Winter der Mühlenteich zugefroren war, wurde das Eis geerntet. Mit Sägen wurden Eisblöcke gesägt und auf Ackerwagen geladen. Die Ackerwagen brachten die Eisblöcke zum Bahnhof nach Gronau. Hier wurden die Eisblöcke in einen Eisenbahnwaggon verladen. Das Eis bekamen die Brauereien für ihre Kühlhäuser. Auch manche Schlachtereien hatten Kühlhäuser.

Im Jahr 1955 übergab Ernst Rott die Mühle an seinen Neffen Gerhard Bannasch; für das Ehepaar Rott wurde ein Anbau als Altenteil an die Mühle angebaut. Im Jahr 1960 wurde der Mühlenbetrieb der letzten Mühle am Nonnenbach endgültig eingestellt.

Letzte Aktualisierung: 18.6.2022

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